Am Puls der Zeit ...
Hinweise auf das Herzkreislaufrisiko
Wie Knochen den BZ beeinflussen
Wirkt sich Diabetes auf die Lungen aus?
Diabetes im Alltag ...
Diabetes und Augen
Am Puls der Zeit ...
Hinweise auf das Herzkreislaufrisiko
Typ 2 Diabetes und Herzkreislauferkrankungen zählen zu den häufigsten Volkskrankheiten überhaupt – und sind eng miteinander verbunden. Für die Einschätzung der Herzkreislaufgefahr werden in der Praxis so genannte “klassische” Risikofaktoren herangezogen, wie Bluthochdruck, das Vorliegen von Insulinresistenz bzw. Typ 2 Diabetes, Rauchen, das LDL- und das HDL-Cholesterin. Eine Arbeitsgruppe aus Kanada hat anhand aktueller Studienergebnisse eine einfache, aber aussagekräftige Risikobestimmung hinzugefügt: Erhöhte Triglyzeridwerte plus ein erhöhter Bauchumfang sprechen ebenfalls für einen Anstieg des Herzkreislaufrisikos. Mit diesen beiden Werten lassen sich auch Risiko-Patienten „herausfiltern“, bei denen die oben genannten klassischen Faktoren keine Auffälligkeiten gezeigt haben.
Das Team um Dr. Benoit Arsenault von der Universität Québec in Kanada wertete die Daten von 21.787 Personen im Alter von 45-79 Jahren aus. Die zu Untersuchungsbeginn gesunden Teilnehmer hatte man im Rahmen der bekannten EPIC-Norfolk Studie knapp 10 Jahre lang beobachtet. 2.109 Personen entwickelten in dieser Zeit eine Erkrankung der Herzkranzgefäße. Arsenault und seine Kollegen verglichen die Erkrankungsrate bei Personen ohne bzw. mit erhöhten Triglyzeriden (= Werte ab 2,0 mmol/l) plus erhöhtem Bauchumfang (= 90 cm oder mehr bei Männern und 85 cm oder mehr bei Frauen).
Das Ergebnis: Männer mit erhöhten Triglyzeriden plus erhöhtem Bauchumfang waren im Vergleich 2,4-mal so häufig von einer Erkrankung der Herzkranzgefäße betroffen. Bei den Frauen stieg das Risiko sogar um mehr als das 3,8-fache an. Selbst nachdem man die klassischen Risikofaktoren Alter, Gesamtcholesterin, HDL-Cholesterin, systolischer Blutdruck, Rauchen und Diabetes herausgerechnet hatte, blieb noch immer eine Risikoerhöhung um das 1,3-fache (Männer) bzw. 1,7-fache (Frauen) bestehen.
Für die Wissenschaftler sind die Ergebnisse ein wichtiger Hinweise, dass nur mit den klassischen Risikofaktoren einige gefährdete Patienten – vor allem in der Gruppe der Frauen – nicht hinreichend erfasst werden. Die zusätzliche (einfache) Bestimmung von Triglyzeriden und Bauchumfang kann hier wertvolle ergänzende Informationen zum Herzkreislaufrisiko liefern.
Triglyzeride …
gehören wie das Cholesterin in die Gruppe der Nahrungsfette. Sie sind aufgebaut aus einem Glyzerinmolekül, an das drei Fettsäuren angehängt sind. Im Körper dienen Triglyzeride hauptsächlich als Energiespeicher im Fettgewebe. Zu hohe Triglyzeridspiegel im Blut – zum Beispiel durch übermäßige Triglyzeridaufnahme mit der Nahrung – gelten als Risikofaktor für Erkrankungen von Gefäßen und Herz. Übermäßig viele Triglyzeride verstärken die Bildung des besonders gefäßschädigenden Small dense LDL und begünstigen die frühzeitige Arteriosklerose in den Gefäßen. Menschen mit Insulinresistenz und Typ 2 Diabetes weisen häufig erhöhte Triglyzerid-Spiegel auf. Als Richtwert für Typ 2 Diabetiker gilt: Günstig sind Triglyzeridspiegel unter 150 mg/dl (1,69 mmol/l).
(Quelle: Arsenault BJ et al. The hypertriglyceridemic-waist phenotype and the risk of coronary artery disease: Results from the EPIC-Norfolk Prospective Population Study. CMAJ 2010; DOI:10.1503/cmaj.091276)

Wie Knochen den BZ beeinflussen
Zwischen Knochen- und Zuckerstoffwechsel besteht ein enger Zusammenhang. Darauf weist eine aktuelle Studie der Columbia University in New York, der L'Aquila Universität in Italien und der Harvard Medical School in Boston hin. Die Arbeitsgruppe um den Wissenschaftler Dr. Gerard Karsenty konnte zeigen, dass die Knochenumbauprozesse im Körper dazu beitragen, die Blutzuckerwerte zu regulieren.
Das Knochengewebe befindet sich in einem ständigen Umbauprozess mit Knochenab- und Knochenaufbau: Bei Erwachsenen wird so jährlich bis zu 20 Prozent der Knochenmasse „ausgetauscht“. Gesteuert wird der Umbauprozess durch Osteoblasten (= knochenaufbauende Zellen) und Osteoklasten (= knochenabbauende Zellen).
Bereits vor einigen Jahren entdeckte Dr. Karsenty, dass ein in den Knochen freigesetztes Hormon – das Osteokalzin – den Blutzuckerspiegel beeinflusst. Oseokalzin regt in der Bauchspeicheldrüse die Herstellung von Insulin an und erhöht die Insulinempfindlichkeit der Zellen. Das positive Ergebnis: Die Aufnahme von Glukose in die Zellen steigt an, wodurch ein übermäßiger Anstieg des Blutzuckerspiegels verhindert wird.
Was ist Osteokalzin?
Osteokalzin ist ein Eiweiß-Hormon, das Kalzium bindet. Es wird in den knochenaufbauenden Zellen – den Osteoblasten – gebildet. Beim Knochenabbau wird Osteokalzin wieder freigesetzt und gelangt in den Blutkreislauf, wo man die Spiegel messen kann. Als Blutmarker gibt Osteokalzin Auskunft darüber, ob Knochengewebe aufgebaut wird.
Aus Tierexperimenten ist bekannt, dass Mäuse ohne Osteokalzinbildung sehr schnell Übergewicht, Insulinresistenz und zu hohe Blutzuckerspiegel entwickeln. Untersuchungen der letzten Jahre legen auch beim Menschen eine Rolle von Osteokalzin in der Steuerung des Zuckerstoffwechsels nahe.
Die neuen Ergebnisse von Karsenty zeigen aber noch mehr: Osteokalzin, das von den Osteoblasten gebildet wird, kann seine Aufgaben nur dann erfüllen, wenn gleichzeitig Knochenabbau-Prozesse stattfinden. Während des Knochenabbaus entsteht nämlich ein „saures Milieu“ in der Umgebung. Dieses saure Milieu wird benötigt, damit Osteokalzin in seine aktive Form überführt werden und seine Aufgaben wahrnehmen kann.
Besonders interessant ist für die Forscher die Entdeckung, dass Insulin ebenfalls den Knochenabbau fördert – und damit auch die Osteokalzin-Aktivierung. Da Osteokalzin wiederum die Insulinausschüttung erhöht, entsteht ein sich gegenseitig verstärkender Prozess zwischen den beiden Hormonen.
Die vorliegenden Studienergebnisse machen deutlich, dass die Knochengesundheit eine (bisher meist vernachlässigte) Rolle bei Insulinresistenz und Typ 2 Diabetes spielen könnte. Weitere Untersuchungen sind in Planung, um noch mehr Details zu erforschen.
(Quelle: Ferron M et al. Insulin signaling in osteoblasts integrates bone remodeling and energy metabolism. Cell 2010; 142: 296-308)

Wirkt sich Diabetes auf die Lungen aus?
Patienten mit Diabetes – insbesondere Typ 2 Diabetiker – sind häufiger von Störungen der Lungenfunktion betroffen als Nicht-Diabetiker. Dies haben Wissenschaftler aus den Niederlanden kürzlich im Rahmen einer Metaanalyse bestätigt: Die Arbeitsgruppe wertete Daten von insgesamt 40 Studien aus und verglich die Lungenfunktionswerte bei 3.182 Diabetikern und 27.080 Personen ohne Zuckerstoffwechselstörung. Eine Lungenerkrankung war zum Untersuchungszeitpunkt bei keinem der Diabetespatienten bekannt.
Das interessante Ergebnis: Im statistischen Durchschnitt zeigten die Diabetiker schlechtere Werte bei einem wichtigen Maß für die Lungenfunktion – der Einsekundenkapazität FEV1. Dies ist das Volumen, das nach maximaler Einatmung in einer Sekunde ausgeatmet werden kann. Die Einsekundenkapazität wird beim Arzt geprüft, indem der Patient so kräftig es geht in das Mundstück eines Spirometers (= Gerät zur Messung des Atemvolumens) bläst. In der vorliegenden Analyse fiel der Wert für FEV1 in der Gruppe der Diabetiker um durchschnittlich 5,1% geringer aus als bei den Nicht-Diabetikern. Dieser Unterschied erscheint auf den ersten Blick zwar nicht sehr groß, allerdings war er statistisch signifikant (p<0,001). Auch für das maximal ausatembare Lungenvolumen (forcierte Vitalkapazität FVC) fanden die Wissenschaftler einen um 6,3% niedrigeren Wert bei Patienten mit Diabetes. Dieses Ergebnis erwies sich ebenfalls als statistisch signifikant (p<0,001). Am ungünstigsten waren die Werte bei Patienten mit Typ 2 Diabetes.
Frühere Studien hatten bereits auf Einschränkungen der Lungenfunktion bei Vorliegen einer Diabeteserkrankung hingewiesen. Allerdings wurden hierfür in erster Linie die erhöhten Blutzuckerspiegel verantwortlich gemacht. In der vorliegenden Untersuchung stellten die Wissenschaftler fest, dass die Unterschiede bei den Lungenfunktionswerten zwischen Diabetikern und Nicht-Diabetikern unabhängig waren von Faktoren wie Gewicht (BMI), Rauchen, Diabetesdauer oder HbA1c.
Nach Ansicht der Arbeitsgruppe aus den Niederlanden spielen vermutlich chronisch-entzündliche Prozesse eine wichtige Rolle: Ständig vorhandene, unterschwellige Entzündungen im Körper sind ein gemeinsames Merkmal bei Insulinresistenz, Typ 2 Diabetes, Gefäßerkrankungen (Arteriosklerose) und der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD. Die COPD, die besonders häufig bei Rauchern vorkommt, ist gekennzeichnet durch dauerhaft entzündete und verengte Atemwege. In den Lungenfunktions-Untersuchungen nehmen unter anderem die Werte für FEV1 und FVC immer weiter ab. In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler der Frage nachgehen, welchen Einfluss eine Diabeteserkrankung auf Patienten hat, die bereits an einer COPD erkrankt sind.
(Quelle: van den Borst B et al. Pulmonary function in diabetes: a metaanalysis. Chest 2010; 138: 393-406)

Diabetes im Alltag ...
Diabetes und Augen
Netzhauterkrankungen der Augen wie die diabetische Retinopathie gehören zu den häufigsten Folgeschäden beim Diabetes. Sie entstehen in Abhängigkeit von der Diabetesdauer und der Blutzuckerhöhe. Beim Typ 1 Diabetes und bei neu diagnostizierten Typ 2 Diabetikern haben Untersuchungen in der Vergangenheit gezeigt, dass eine gute Blutzuckereinstellung das Risiko für Diabetes-Folgeschäden an den Augen deutlich verringern kann.
Jetzt liegen Daten einer großen Studie – der ACCORD-Studie – vor, die den Einfluss der BZ-Werte bei 2.856 Personen mit einem langjährig bekannten Typ 2 Diabetes untersucht hat. Das Resultat: Auch nach einer Diabetesdauer von durchschnittlich 10 Jahren profitierten die Patienten noch deutlich von einer guten, normnahen Blutzuckereinstellung. Im Vergleich zu Betroffenen, die mit ihrer Behandlung einen durchschnittlichen HbA1c-Wert von 7,5% erreichten, ließ sich das Voranschreiten einer diabetischen Augenerkrankung in der intensiv therapierten Gruppe (HbA1c-Durchschnittswert von 6,4%) in den folgenden 4 Beobachtungsjahren um rund ein Drittel verringern.
Das FAZIT der Studienautoren: Eine intensive Behandlung mit Absenkung des HbA1c in Richtung Normwert lohnt für die Augen auf jeden Fall – auch wenn der Typ 2 Diabetes bereits seit vielen Jahren bekannt ist.
(Quelle: Chew EY et al. Effects of medical therapies on retinopathy progression in type 2 diabetes. NEJM 2010; 363: 233-44)
Mehr Sicherheit: Die regelmäßige Untersuchung beim Augenarzt
Noch immer ist die diabetische Retinopathie in den westlichen Ländern die häufigste Erblindungsursache. Insgesamt sind in Deutschland pro Jahr zirka 1.700 Diabetes-Patienten betroffen. Damit erblinden Diabetiker um ein Vielfaches häufiger als Menschen ohne Diabeteserkrankung.
Ist der Blutzucker bei unerkanntem oder schlecht eingestelltem Diabetes ständig erhöht, kann dies über Jahre hinweg zu ernsthaften Schäden an Gefäßen und Nerven führen. Von den Schäden an den „kleinen“ Gefäßen sind häufig auch die Augen betroffen – man spricht hier von der so genannten „diabetischen Retinopathie“. Durch die hohe Zuckerkonzentration im Blut verändern sich im Auge die kleinen Blutgefäße in der Netzhaut (= Retina). Diese können sich zum Beispiel verschließen oder/und undicht werden, so dass Flüssigkeit in die Umgebung austritt. In beiden Fällen kann mit fortschreitender Gefäßveränderung eine erhebliche Sehbeeinträchtigung die Folge sein.
Durch die Veränderung von winzigen Gefäßen in der Netzhaut kommt es beispielsweise zu Blutungen, Aussackungen der Gefäßwände und krankhaften Ablagerungen. Die Blutungen und Gefäßwandaussackungen stellen sich in der Untersuchung mit dem Augenspiegel als kleine rote Flecken dar. Zu diesem Zeitpunkt bemerkt der Betroffene häufig noch keine Beeinträchtigung seiner Sehkraft. Der Verschluss von kleinen Gefäßen in der Netzhaut führt zu einer Mangelversorgung der umliegenden Sehzellen. Schreitet die Krankheit fort, wuchern an dieser Stelle neue Gefäße, die jedoch häufig brüchig sind und in den zwischen Netzhaut und Linse liegenden Glaskörper einsprossen können. Kommt es aus den krankhaften Gefäßwucherungen zu Einblutungen in den Glaskörper, ist das Sehvermögen stark gefährdet. Bei Blutungen an der Stelle des schärfsten Sehens – der Makula – werden die zentralen Sehzellen zerstört und der Betroffene erblindet akut.
Die Einblutungen heilen oft mit Narbenbildung ab. Da letztere das umliegende Gewebe tendenziell schrumpfen lässt, entsteht ein Zug an der Unterlage – der Netzhaut. Löst sich die Netzhaut ab, kann das Sehvermögen ebenfalls erheblich beeinträchtigt werden bis hin zur Erblindung. Oft bemerkt der Diabetiker über lange Zeit nichts von den gefährlichen Veränderungen im Auge. Erste Veränderungen, die ihm auffallen, sind zum Beispiel schwarze Flecken oder ein verschwommenes bzw. verzerrtes Sehen.
Da die diabetische Retinopathie meist zunächst mit keinerlei Beeinträchtigungen für den Betroffenen verbunden ist, sollte jeder Typ 2 Diabetiker gleich zu Beginn seiner Erkrankung und später in regelmäßigen Abständen (mindestens 1 x pro Jahr) vom Augenarzt untersucht werden: Die moderne Augenheilkunde kann fast alle diabetischen Veränderungen schon vor Eintreten der Sehverschlechterung aufspüren und behandeln. Übrigens: Die Untersuchung beim Augenarzt ist für den Patienten nicht belastend. Für die Augenuntersuchung wird die Pupille mit Augentropfen vorübergehend erweitert, um so einen besseren Einblick auf die Netzhaut zu erhalten.
(Quellen: Hanas R et al. 2010 Consensus Statement on the Worldwide Standardization of the Hemoglobin A1c Measurement. Diabetes Care 2010; www.easd.org)

|